21.01.2014
Wir müssen richtig Gas geben!
Nach dem Fehlstart in die Saison führte der neue TV Möhlin Trainer Joachim Spross die NLB-Handballer aus dem Tabellenkeller zurück ins obere Mittelfeld. Im Interview blickt Spross zurück und warnt vor der Selbstverständlichkeit des Siegens in der bevorstehenden Rückrunde.
Loris Criscione (LC): Joachim Spross, Sie sind mitten in der Saison zum TV Möhlin gekommen, deshalb kennen Sie viele Leserinnen und Leser vielleicht noch nicht so gut. Wer ist eigentlich der neue TV Möhlin Trainer Joachim Spross?
Joachim Spross (JS): Ich bin ein Norddeutscher, ein Westfale, und das sind ganz besondere Menschen [lacht]. Herzensgute Leute, ein bisschen stur, relativ klar in der Äusserung von Emotionen, aber sie meinen es nicht immer so, wie sie es sagen. Jeder, der es mit mir zu tun hat weiss, was ich denke und das hat Vor-und Nachteile. Ich bin ein handballverrückter Mensch und habe mein Leben lang Handball gespielt, auch professionell. Hier in den Süden bin ich wegen meiner beruflichen Situation gezogen. Ich habe einen aufreibenden und anstrengenden Job aber es macht mir Spass und ich bin auch hier beim TV Möhlin super empfangen worden.
LC: Nach dem misslungenen Saisonstart hat der TV Möhlin in den letzten sechs Meisterschaftsspielen sechs Siege aneinandergereiht und einen A-Ligisten im Cup rausgeworfen. Wie ist es Ihnen nach Ihrem Engagement beim TV Möhlin gelungen, die Mannschaft wieder auf Kurs zu bringen?
JS: Ich habe in Möhlin eine Mannschaft vorgefunden, die körperlich fit war und über gute Spielkonzepte und -ideen verfügte. Gleichzeitig war die Mannschaft jedoch sehr verunsichert und es gab einige verbesserungswürdige Strukturen, bei denen ich dann den Hebel ansetzten konnte. Verändert hat sich sicherlich auch die Deckungsarbeit. Wir haben heute wieder Lust erfolgreich zu verteidigen. Die damit zurückgewonnene Sicherheit zeigte sich auch im Wiedererstarken des Angriffspiels. Zwar haben wir insofern einen ganz guten Handball gespielt, man muss aber auch sehen, dass wir im einen oder anderen Spiel auch ein bisschen Glück gehabt haben.
LC: Sind Sie insofern zufrieden mit ihrem Team?
JS: Natürlich bin ich zufrieden. Mehr als sechs Siege aus sechs Spielen geht nicht. Ich glaube, wir haben grosse Fortschritte gemacht. In einem Teamsport, wie beim Handball, ist es wichtig, dass man ein klares System und eine klare personelle Zuordnung von Aufgaben hat. So hat jeder Spieler einen Schritt zurück gemacht und wir haben uns als Team auf das besonnen, was wir können. Deshalb ist der Erfolg auch in erster Linie der Erfolg der Mannschaft.
LC: Ist dadurch auch die Sicherheit wieder in die Mannschaft zurückgekehrt?
JS: Ja, klar. Insbesondere bei den Torhütern war dies sichtbar. Unsere Deckung wurde besser und stabiler und wir haben begonnen, in der Deckung selbst zu agieren, statt nur auf den Gegner zu reagieren. So wurde das Zusammenwirken von Torhütern und Deckung verbessert. Aber trotz dieser verbesserten Deckung braucht es manchmal eine starke Torhüterleistung und diese sind stellenweise überragend gewesen. Und wenn man dann hinten guten steht, bekommt man auch vorne mehr Sicherheit.
LC: Mit dieser zurückgewonnenen Sicherheit ist der TV Möhlin vor der Winterpause punktgleich mit den Teams auf dem fünften und sechsten Tabellenrang auf dem siebten der vierzehn Tabellenplätze zurückgekehrt. Das letzte Spiel vor der Pause war dann im Schweizercup gegen den NLA-Leader Pfadi Winterthur. Was ist seither in der Mannschaft passiert und worauf haben Sie besonderen Wert gelegt?
JS: Das Spiel gegen Winterthur war sicherlich ein kleines Weinachtsgeschenk. Wir haben zwar verloren, aber das Resultat war vollkommen in Ordnung. Wir sind ja nicht als Favorit in die Partie gegangen und haben eine konzentrierte Leistung gezeigt. Dennoch gibt es viele Bereiche, in denen wir uns noch verbessern müssen. Zum Beispiel die Kleingruppenarbeit. Das hat man im Vergleich bei Winterthur sehr gut gesehen. Wenn die Winterthurer unbedingt ein Tor brauchten, haben zwei bis drei Spieler alleine dieses Tor erzwingen können. Das fehlt uns noch ein bisschen, für den Fall, dass es in einem Spiel gerade nicht so gut läuft, denn das passiert immer wieder einmal. Aber auch in der Deckung müssen wir noch weiter arbeiten und ein wenig stabiler werden. Unser Deckungssystem ist ein sehr anstrengendes und die Last liegt derzeit auf drei bis vier Spielern. Da müssen wir die Last auf mehrere Schultern verteilen und weiter an unserer Physis arbeiten.
LC: Nach der Winterpause startet der TV Möhlin mit drei Heimspielen hintereinander. Wie nimmt der TV Möhlin diese in Angriff und was für Herausforderungen lauern in der Rückrunde?
JS: Mir müssen zwei Sachen im Griff haben. Erstens: uns selber. Es wird nicht automatisch so erfolgreich weitergehen, wie es vor dem Jahreswechsel lief und darauf müssen wir vorbereitet sein. Zweitens trainieren ja auch die anderen Mannschaften drei, vier Mal die Woche. Die können auch einen Ball werfen. Drei Heimspiele zu Beginn sind schon eine ganz tolle Ausgangsposition aber das werden sicher keine einfachen Spiele. Zofingen und Kreuzlingen stehen massiv unter Druck, sich nicht in der Abstiegszone festzusetzten und die Schaffhauser haben eine gut ausgebildete Handballmannschaft, bei der wir im Hinspiel nicht zu unrecht verloren haben. Das heisst, wenn wir nicht richtig Gas geben, können wir trotz der tollen Ausgangslage auch richtig toll verlieren.
LC: Kann das Publikum also kampfbetonte, enge Spiele erwarten?
JS: Wir haben schon einige Kämpferleute im Kader, so zum Beispiel Sandro Soder, Alexander Milovanovic oder Maurice Meier. Aber wir wollen auch spielerisch etwas zeigen. Wir wollen sowohl in der Deckung agieren, als auch im Angriff viel laufen. Das ist moderner Handball, dass man sich bewegt, dass man nicht starr auf einer Position ist und, dass der Ball läuft. Man muss im Angriff darauf warten, dass mein eine gute Chance kriegt. Nicht auf nur eine 40-prozentige, sondern eine 60-, 70-prozentige Chance um dann den Abschluss zu suchen. Wenn wir das machen, werden wir auch erfolgreich sein. Davon bin ich fest überzeugt, denn die Substanz in der Mannschaft ist da.
LC: Gibt es personelle Änderungen? Wie ist der Stand bei den verletzten Spielern?
JS: Ja, da haben wir grosses Pech. Wir starten mit vier gewichtigen Ausfällen auf Grund von schwerwiegenden Verletzungen. Einen Neuzugang haben wir nicht zu vermelden aber Peter Kern ist wieder im Mannschaftsprozess drin und wird uns sicherlich unterstützen. Fraglich ist ausserdem der Einsatz von Faris Ahmetasevic, der sich mit der U18-Nationalmannschaft für die Europameisterschaft qualifizierte, allerdings angeschlagen ins Mannschaftstraining zurückkehrte.
LC: Zum Schluss, noch einige Fragen zu Ihrer Person. Was waren Ihre wichtigsten Stationen im Handballsport?
JS: Aufgewachsen bin ich In Emsdetten, Westfalen und habe dort in der 2. Liga Handball gespielt. Ich wechselte dann zum TSV Bayer Dormagen, wo wir im Europapokal spielten und das deutsche Pokalfinale erreichten. Weitere Stationen waren Traditionsvereine, wie der TSV GWD Minden und der TuS Nettelstedt. Dabei bin ich auf viele interessante Trainer und Mitspieler getroffen, wovon ich viel profitiert habe. Zum Beispiel waren einige Trainer, die gerade an der Europameisterschaft in Dänemark sind, auch einmal meine Trainer. So zum Beispiel Lajos Mocsai (Nationaltrainer Ungarn) oder Michael Biegler (Nationaltrainer Polen). Zudem sind fünf meiner ehemaligen Mitspieler derzeit als Coaches in der Bundesliga tätig. Mit ihnen habe ich einiges erlebt, sowohl positives wie auch negatives, dies möchte ich auch beim TV Möhlin umsetzten beziehungsweise vermeiden.
LC: Sie hatten ja nun schon die Gelegenheit die Handballatmosphäre in Möhlin kennen zu lernen. Wie gefällt es Ihnen in Möhlin?
JS: Ja, sehr. Es gefällt mir, wie der Verein aufgestellt ist. Der Schwepunkt liegt auf der Jugend und auf dem Vereinsleben und damit kann ich mich sehr gut identifizieren. Die Zuschauerzahlen und die Begeisterung für Handball sind in Möhlin vorbildlich für die ganze Schweiz, gerade auch in unserer Liga. Da hoffe ich natürlich, dass wir weiterhin dazu beitragen können und vielleicht sogar noch ein Tüpfelchen darauflegen können. Die Atmosphäre ist immer sehr, sehr gut. Zum Beispiel gegen den RTV Basel oder gegen Pfadi Winterthur war die Stimmung überragend, daher hoffe ich immer auf sehr viele Zuschauer, denn das macht immer viel Spass.
Ort, Datum: Möhlin, 17.01.2014
Bericht: Luca Criscione
Foto: Michi Mahrer