Verteidigung ist der beste Angriff

Am Dienstagabend gab es in der Steinlihalle vor anfangs euphorischen 1000 Zuschauern kein Wenn und Aber: Pfadi Winterthur (NLA) verspürte nicht die geringste Lust, sich gegen den unterklassigen TV Möhlin (NLB) zu blamieren – trotz eines phasenweise brillanten Rok Jelovcan im Möhliner Tor.

«Normalerweise nicht.» So lautete kurz vor Spielbeginn die wenig hoffnungsvolle, wenn auch ehrliche Antwort von Markus Jud auf die Frage, ob der TV Möhlin denn eine richtige Chance auf den Sieg gegen Pfadi Winterthur habe. Jud – Cheftrainer vom HSC Suhr Aarau, sieben Punkte und damit direkt vor dem TV Möhlin auf Platz zwei liegend in der laufenden NLB – er schaute sich die Partie mit seiner Mannschaft an. Er sollte Recht behalten. Zur Pause in diesem Schweizer Cup-Viertelfinale stand es 6:12, am Ende 18:31. Klarer Fall.

Ostergleichnis
Pfadi Winterthur, neunfacher Schweizer Meister, vierfacher Cupsieger, aktuell Titelverteidiger in diesem Wettbewerb, nein: Diese nationale Spitzenmannschaft war am Dienstag nicht nach Möhlin gekommen, um sich zu blamieren. Zu abgeklärt machte das zum Teil aus Profis bestehende Team von seiner ganz besonderen Stärke Gebrauch; eine Stärke, die jeder einzelne Möhliner Angriffsspieler von der ersten Sekunde zu spüren bekam: eine knallharte Defensive. Kompromisslos bauten die Winterthurer ihr Bollwerk um den eigenen Kreis auf und liessen die Fricktaler wissen, wie es sich als Tourist zu Ostern vor dem Gotthardportal anfühlen muss: kein Durchkommen für eine gefühlte Ewigkeit. Sieben Minuten und 22 Sekunden dauerte es, ehe Florian Doormann das erste Tor für die Gastgeber erzielen konnte. Dass es mit diesem Treffer allerdings erst 1:1 (!) gestanden hatte, war dem Möhliner Torwart Rok Jelovcan zu verdanken, der seine Vorderleute bis dato mit drei sensationellen Paraden im Spiel gehalten hatte. Weitere sollten noch folgen an diesem Abend.

Sechs Möhliner Tore in dreissig Minuten
In der neunten Minute ging Pfadi zum zweiten Mal in Führung (1:2) und gab diese fortan nicht mehr aus der Hand. Der aktuelle Zweite der NLA konnte es sich dabei über lange Zeit leisten, vorne nicht mit derselben Effizienz zu Werke zu gehen wie in der Verteidigung. Nach einer Viertelstunde hatten die Winterthurer zwar erst fünf Treffer auf ihrem Konto, dafür ihrem Gegner hinten nur deren zwei zugestanden. Es dauerte bis zur 24. Minute, ehe Möhlin die ersten fünf Tore erzielte. Bis zur Pause kam noch eines dazu, Pfadi schoss in diesen ersten dreissig Minuten doppelt so viele (6:12).

Rückraumspieler abgemeldet
Näher als auf sechs Tore Differenz kamen die Fricktaler zu keinem Zeitpunkt mehr heran, und kaum war die Pause mit einem fasnächtlichen Auftritt der Ryburger Gugger vorüber, sorgten die Winterthurer wieder für die Musik. Nach dreiviertel der Spielzeit bauten sie ihren Vorsprung auf zehn Tore aus (12:22), doch alleine die Tatsache, dass die Pfader hinten ohnehin nie etwas anbrennen liessen, machte diesen Cup-Viertelfinal bereits früh zur einseitigen Affiche, trotz einem über lange Zeit überragenden Jelovcan im Möhliner Tor. Spätestens der Blick auf die Tabelle der Nationalliga A macht deutlich, weshalb vor allem auch für die sonst deutlich schlagkräftigeren Rückraumspieler Tin Tokic (1 Tor) und Marcus Hock (5 Tore, wovon zwei auf Penalty) kaum etwas zu holen war: Pfadi Winterthur belegt in der laufenden Meisterschaft Platz zwei – hat dabei nach 18 Spielen fast einhundert (!) Tore weniger erzielt als der Leader Kadetten Schaffhausen, allerdings mit Abstand am wenigsten Treffer erhalten. Wenn man so will: Verteidigung ist ihr bester Angriff. Letztlich aber liess das Schlussresultat von hinten bis vorne keine Fragen offen. Pfadi Winterthur war ein zu starker Gegner, gewann am Ende deutlich mit 18:31, wobei mit zunehmender Spieldauer auch jüngere Möhliner Spieler Erfahrungen sammeln durften. Fazit: Der stille Beobachter Markus Jud, Cheftrainer vom HSC Suhr Aarau, erlebte an diesem Abend ebenso wenig eine Überraschung, wie die (anfangs) euphorisierten 1000 Zuschauer. Grössere Chancen auf einen Sieg werden die Möhliner am Sonntag beim nächsten Meisterschaftsspiel dann wieder in der NLB haben, obschon auch dieser Gegner auswärts erneut alles andere als ein Leichter sein wird: Der Tabellenzweite HSC Suhr Aarau – mit seinem Cheftrainer Jud.

Statistiken und Spielverlauf
http://liveticker.handball.ch/Ticker.aspx?SpielId=316065&VIDs

Bericht: Ronny Wittenwiler (NFZ); Fotos: Michi Mahrer

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