25.03.2016
Im Fokus: Schiedsrichter im Einsatz für den TV Möhlin!
Fast im Wochenturnus leiten unsere Schiedsrichter Heini Freiermuth aus Zeiningen und die beiden Möhliner Jungschiedsrichter, Andrea-Marco Zamuner und Philippe Hürbin, Handballpartien im Dienste des TV Möhlin. Da jeder Verein eine bestimmte Anzahl Schiris stellen muss, ist auch der TV Möhlin auf Nachahmer dringend angewiesen. Im Anschluss blicken wir hinter die Kulisse der fernab vom Möhliner Spielbetrieb wirkenden Referees und erfahren mehr über ihr anspruchsvolles Hobby.
Der Mangel an zur Verfügung stehenden Referees ist auch schweizweit ein brennendes Thema. „Die Halbwertszeit eines Handball-Schiedsrichters ist kurz, denn nach zwei, drei Jahren schmeissen viele den Bettel hin!“ so äusserte sich der Chef der Schweizer Schiedsrichter Urs Maibach, bereits vor zwei Jahren in einem Interview im Fachmagazin „handballworld“. Er fügte weiter an: „Wir gehen auf dem Zahnfleisch! Unser Leiter der Einsatzstelle, Edi Theiler, benötigt einen sehr grossen Aufwand, um alle Spiele mit Schiedsrichtern abzudecken!“ Deshalb forderte Maibach, dass in Zukunft bei der Betreuung der Jungen über die Bücher gegangen werde. Zumindest in Möhlin stiess dieser Wunsch beim Schiedsrichtergespann Hürbin/ Zamuner auf offene Ohren, wo sich junge motivierte Handballer in den Fussstapfen des Schiedsrichter-Handwerks bewegen. Aber mehr Nachwuchs ist dringend gefragt!
Wie kam es dazu, dass ihr die Ausbildung zum Schiri absolviert habt?
Andrea: „Vor ungefähr drei Jahren, als ich noch aktiv Handball bei den U17-Junioren gespielt habe, war der Schiedsrichtermangel in der Nordwestschweiz ein grosses Problem. Der TV Möhlin selbst hatte bis dahin genau einen Schiedsrichter (Heini Freiermuth) aufzubieten, was zur Folge hatte, dass der Verein jährlich eine schmerzhafte Busse zahlen musste. Deshalb kam man zum Schluss, dass man im eigenen Verein nach interessierten Jugendlichen suchen muss. Als ich davon Wind bekam, dachte ich zuerst: Was, Schiedsrichter? Ich will mich doch nicht in die Höhle des Löwen begeben! Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass diese einiges einstecken mussten, sei es von der Bank oder vom Spielfeld aus. Doch irgendwie konnte man mich davon überzeugen, erst mal an einer Infoveranstaltung teil zu nehmen. Wir waren nicht zu übersehen, wir, das waren Philippe, mein heutiger Schiedsrichterkollege und ich. Wir erlebten dort aber einen Sinneswandel und entschlossen uns die Ausbildung zum Schiedsrichter zu absolvieren. Grossen Einfluss auf unseren Werdegang hatte damals der Ausbildner, Beat Jucker, welcher uns zu diesem Schritt überzeugen konnte.“
Philippe ergänzt: „Auch ich komme vom aktiven Handballspielen und bin der Typ, der alles hinterfragt und besser zu wissen meint, deshalb fand ich es spannend, die Seiten zu wechseln. Aber allein hätte ich es nicht durchgezogen, deshalb wandte ich mich an meinen Cousin Andrea, der von Beginn weg von dieser Idee begeistert war. Wir sind zusammen aufgewachsen, haben schon viel Zeit miteinander verbracht, was uns auch auf dem Feld zu Gute kommt!“
Ihr bekommt einen theoretischen Rucksack an Wissen, aber danach auf dem Feld, wie geht es weiter? Habt ihr Unterstützung in der Lernphase?
Andrea (stellvertretend für beide): „Bei den ersten Partien, die ich leiten durfte, begleitete mich jeweils ein Betreuer, welcher mich anfänglich unterstützte und mir hilfreiche Tipps gab. Nach dem Spiel folgte dann eine Besprechung, bei welcher ich ein Feedback bekam und selber noch allfällige Fragen stellen konnte. Diese Betreuung ist für angehende Schiedsrichter enorm wichtig, da man durch diese motiviert wird weiterzumachen, auch wenn es mal zu unangenehmen Situationen kommt und man am liebsten den Bettel hinschmeissen möchte. Diese Situation entsteht immer wieder, aber mit der Zeit lernt man damit umzugehen.“
Was ist ganz wichtig um ein Top-Schiedsrichter zu werden?
„Wichtig ist sicherlich, dass man ein gewisses Selbstvertrauen mitbringt, sonst geht man schnell unter,“ meint Andrea und: „Weiter sollte man ein gutes Spielverständnis haben, dazu gehört auch ein ausgeprägtes Auffassungsvermögen und man sollte sich auch neben dem Pfeifen intensiv mit Handball beschäftigen. Jedoch müssen diese Fähigkeiten nicht schon von Anfang an vorhanden sein, denn als Schiedsrichter lernt man dauernd dazu, weshalb diese Berufung eine Lebensschule ist. So habe ich meine anfängliche Schüchternheit nach und nach ablegen können und bin mit der neuen Rolle gewachsen und selbstsicherer geworden.“ Philipp betont: „Man muss innerhalb von Sekunden Entscheidungen treffen, diese überzeugend kommunizieren und vertreten können“. Laut einer Studie weiss man, dass im Handballsport ein Spielleiter bis zehnmal mehr Entscheidungen fällen muss, als ein Fussballschiedsrichter (Anmerkung der Fragenstellerin).
Wie funktioniert ihr als Paar auf dem Feld?
Wir versuchen als Team aufzutreten und nicht als Einzelschiedsrichter. Das setzt voraus, dass wir gut miteinander kommunizieren und uns die Aufgaben auf dem Platz aufteilen. Jedoch muss dies auch erlernt werden und verbessert sich bei uns mit jedem Spiel, das wir zusammen pfeifen.
Welche Regel findet ihr besonders schwierig umzusetzen?
Es gibt ja Grauzonen, wo der Schiri im eigenen Ermessen zum Beispiel das Spiel laufen lässt, wo die Zuschauer schon längst rebellieren. Grundsätzlich gibt es keine Art von Entscheidungen, die besonders schwierig zu fällen wären, jedoch gibt es solche, welche die Zuschauer häufig nicht nachvollziehen können und dadurch aufgebracht sind. Zum Beispiel: Ein Spieler geht im Angriff in den Zweikampf und erzielt ein Tor-der Schiedsrichter akzeptiert es nicht. Genau in solchen Momenten ist es für den ungeschulten Zuschauer schwer nachvollziehbar, die Situation richtig zu beurteilen, während wir beobachtet haben, dass der Angreifer bei der Abgabe des Balles im 7-Meter Raum gestanden ist oder zuvor noch zu viele Schritte gemacht hatte. Eine weitere Situation, die häufig zu Unmut beim Publikum stösst, ist, wenn ein Verteidiger beim ersten Kontakt mit einem Gegenspieler im 7-Meter-Raum steht und den Angreifer beim Wurf auf das Tor hindert. Das hat einen Penalty zur Folge, obwohl es von aussen oft so aussieht, als wäre es keine klare Tormöglichkeit. Grundsätzlich würde ich es begrüssen, wenn sich mehr leidenschaftliche Handballzuschauer mit den Regeln vertraut machen würden, anstatt ins Spielgeschehen reinzubrüllen.
Wo, in welcher Region, steht ihr im Einsatz?
Aktuell leiten wir hauptsächlich Spiele in der Nordwestschweiz, von den U15-Junioren bis zu den Männern in der 2.Liga. Die niederklassigen Ligen pfeifen wir jedoch allein.
Besucht ihr Weiterbildungen, Kurse?
Jedes Jahr vor Saisonbeginn findet eine Weiterbildung statt, bei der wir unsere Regelkenntnisse auffrischen und allfällige Neue mit auf den Weg bekommen. Ausserdem ist solch ein Treffen ein gutes Forum, um Erfahrungen auszutauschen und häufig vorkommende Problemsituationen zu besprechen.
Wieviel Zeit (Freizeit) opfert ihr für diese Tätigkeit? Und werdet ihr entschädigt?
Wir opfern nicht unsere Freizeit, da es unsere Leidenschaft ist, Spiele zu pfeifen. Klar werden wir dafür grosszügig entschädigt, jedoch kann Geld allein nicht der Grund sein, weshalb man jedes Wochenende erneut auf das Spielfeld geht, um dort die anspruchsvolle Aufgabe eines Schiedsrichters zu leisten. Es erfordert den nötigen Willen und man muss auch Spass an der Sache haben, was bei uns beiden sicher zutrifft. Philippe ergänzt, dass gerade Junge ohne Job immerhin ein wenig verdienen und dabei erst noch den Sport-Nachwuchs aktiv unterstützen würden.
Wie bereitet ihr euch auf eine Partie vor? Was wollt ihr vor einer Begegnung über die Teams wissen?
Wir besprechen meistens die letzten Vorkommnisse, Situationen, welche wir verbessern wollen. So lernen wir aus unseren Fehlern und versuchen, es beim nächsten Match umzusetzen.
Eine letzte Frage: Warum sollte man die Ausbildung zum Schiedsrichter unbedingt machen?
Wie schon erwähnt, ist die „Schiedsrichterei“ eine Lebensschule, in der man seine individuellen Fähigkeiten verbessern kann und neue Kompetenzen erwirbt. Man lernt mit stressigen Situationen umgehen und die Konsequenzen seiner Entscheidungen tragen zu können. Zudem kann es auch interessant sein, das Geschehen auf dem Feld aus einer anderen neutralen Perspektive zu betrachten, was auch schnell zu einer Leidenschaft wachsen kann. Als Schiedsrichter gibt es auch viele positive motivierende Momente: Man wird hie und da von Spielern und Trainern für die Leistung gelobt und lernt immer neue Leute kennen, die einen respektvollen Umgang pflegen und unsere Arbeit als Schiedsrichter schätzen. Ausserdem bieten der Schweizerische Handballverband, sowie der IHF, Förderungsprogramme an, die einem ermöglichen, wenn man motiviert und gewillt ist, die internationale Schiedsrichterkarriere einzuschlagen. All diese Aspekte würden uns erneut dazu bewegen, den Weg des Schiedsrichters zu wählen.
Philippe Hürbin, Jahrgang 1996, und gelernter Zimmermann, besucht aktuell die Rekrutenschule (Panzer Besatzer) in Thun. Er stammt, wie auch Andrea, aus einer „Handball-vorbelasteten“ Familie und lebt Haus an Haus neben seinem Cousin Andrea-Marco Zamuner. Der ein Jahr jüngere Maturand besucht das Gymnasium mit Fachrichtung Wirtschaft in Muttenz.
Heini Freiermuth, der Routinier im Schiedsrichtertrio, werden wir im nächsten Bericht näher kennenlernen.
Für den TV Möhlin, Christine Steck