Heini Freiermuth; mehr als 20 Jahre als Schiedsrichter tätig!

Mit Heinrich Freiermuth aus Zeiningen engagiert sich ein überzeugter Spielleiter für die korrekten Abläufe in den unteren Ligen. Freiermuth blickt schon auf mehr als zwei Dutzend Schiri-Jahre zurück und weiss deshalb viel Interessantes aus seiner Handball-Laufbahn zu berichten.

Wie kam es dazu, dass du die Ausbildung zum Schiri absolviert hast?
Früher spielte der TV Zeiningen zusätzlich in der Handballmeisterschaft mit. Ich war damals aktiver Spieler in der 1.Mannschaft (3.Liga). Dazu muss ich gestehen, eine 2. Mannschaft gab es in Zeiningen nicht bzw. nie. Auch in unserem Dorf war die Schiedsrichtersituation immer ein aktuelles Thema. Nach einigen Schiri-Wechsel habe ich mich als routinierter Spieler getraut und beschlossen die Funktion zu übernehmen. Nicht zuletzt deshalb, weil wir uns eine jährliche Schiri-Busse des Handballverbandes nicht leisten wollten. Nun absolvierte ich 1994 als bereits 27-jähriger die Grundausbildung zum Schiedsrichter. Parallel zur Meisterschaft 1997/98 habe ich am Nachwuchsförderungsprogramm teilgenommen und erreichte die Promotion für die 2.Liga. Ich habe mich damals entschieden nicht als 2.Liga Schiedsrichter zur Verfügung zu stellen, da ich mich beruflich selbständig machte und zudem kein idealer Schiri-Partner zur Verfügung stand. Nichtsdestotrotz bin ich geehrt, für die Handball-Hochburg Möhlin in der Funktion „Schiedsrichter“ tätig zu sein. Im Nachhinein ist mir doch klargeworden, dass ich die weiteren Erfahrungen auf dem Niveau „Schiedsrichter-Oberliga“ verpasst habe.

Du bekamst einen theoretischen Rucksack an Wissen, aber danach auf dem Feld, wie ging es weiter?
Es gilt auch im Handball, ein guter Theoretiker ist noch lange kein guter Praktiker. Es war damals so und ist auch heute noch so; der Leitsatz: „Übung macht den Meister“ stimmt. Selbstverständlich ist es ein grosser Vorteil, wenn man selber Spieler ist oder einmal war. Unterstützt wird am Anfang natürlich intensiv durch die erfahrenen Spiel-Beobachter. Später werden auf meinem Niveau nur noch sporadisch Beobachtungen durchgeführt oder auf expliziten Wunsch des Schiri. 

Was ist ganz wichtig um ein Top-Schiedsrichter zu werden?
Zusammengefasst sind es für mich folgende Voraussetzungen: 

  • Einige Jahre Erfahrungen als aktiver Spieler
  • Freude und Begeisterung für die Funktion
  • Starkes Selbstbewusstsein
  • Ausgeprägtes Selbstvertrauen
  • Bereitschaft für ständige Verbesserung

Wie funktioniert „ihr“ als Paar auf dem Feld?
Diese Frage kann ich so nicht beantworten, denn ich trage allein die Verantwortung und darf alles selber entscheiden, ohne Abstimmung und Rücksicht. Das finde ich super!

Verfügst du über eine Art „Bibel“, wo alle Regeln und Präzisierungen und Erläuterungen festgehalten sind?
Es gibt die sogenannten „Spielregeln“ der Internationalen Handball Föderation (IHF). Das aktuelle Regelwerk (Stand 2010) besteht aus folgenden Inhalten:

  • Spielregeln
  • Erläuterungen zu den Spielregeln
  • Auswechselraumreglement
  • Präzisierungen der IHF

Welche Regel findest du besonders delikat umzusetzen?
Beispielsweise die Regel 7 „Spielen des Balles, passives Spiel“. Diese Regel kann bereits auf meinem Niveau schon sehr unterschiedlich interpretiert werden. Zudem werden auch öfters Entscheide des Schiris betreffend „Schritt- oder Prellfehler“ vom Zuschauer, aber auch von der betroffenen Mannschaft (im ersten Moment) nicht mitgetragen.

Wo, in welcher Region, stehst du im Einsatz?
Ich bin im Handball Regionalverband Nord-Westschweiz eingeteilt, das heisst, ich leite Spiele in verschiedenen Sporthallen (z.B. Eiken AG, Basel BS, Laufen BL). Es werden mir zum grössten Teil die Herrenspiele der 3.Liga, aber auch Damenspiele 2.Liga zugeteilt. 

Besuchst du Weiterbildungen, Kurse?
Ja, in der Regel findet auf meinem Niveau vor der Spiel-Saison ein sog. „Fortbildungskurs“ statt. Der eintägige Kurs beinhaltet aktuelle Themen und den Regeltest. Jeder Schiri muss den Test erfolgreich bestehen, damit er für die nächste Spiel-Saison wieder zum Einsatz kommt. Auch der „heiter gesellige“ Teil kommt selbstverständlich nicht zu kurz. Zudem finden an zwei Abenden während der Spiel-Saison der sog. „Erfahrungsaustausch“ statt. Bspw. werden dabei Handballspiele live oder mittels Aufzeichnung analysiert und miteinander über die Schiri-Entscheide diskutiert.   

Wieviel Zeit (Freizeit) opferst du für diese Tätigkeit? Und wirst du entschädigt?
Auf meinem Niveau leite ich pro Spiel-Saison rund 40-45 Spiele, wobei ich meistens für zwei Spiele pro Einsatzort eingeteilt bin. Dazu kommen noch ein paar Spiele für Kollegen und Kolleginnen, die aus unterschiedlichen Gründen verhindert sind. Das 3.Liga Spiel wird durch die Heim-Mannschaft mit 55 Franken vergütet. Hinzu kommt die Vergütung der gefahrenen Kilometer, mit 50 Rappen pro km. 

Wie bereitest du dich auf eine Partie vor? Was möchtest du wissen?
Für mich ist wichtig, dass ich alle Sorgen und Nöte des Tages oder der Woche ausklammern kann. Das gelingt mir mittlerweile sehr gut. Inzwischen kenne ich auf meinem Niveau die Mannschaften mit ihren Offiziellen sehr wohl. Ich kenne sogar noch Spieler aus meiner damaligen Aktivzeit beim TV Zeiningen.

Was kannst du tun, wenn sich a) Offizielle z.B. unsportlich Verhalten oder b) im schlimmsten Fall das Publikum emotional ausrastet?
Das ist eine sehr interessante Fragestellung, welche sogar die routiniertesten Schiris im Einsatz herausfordert. Ich selber habe eine solche Situation bisher noch nie erlebt. Auch in diesen Fällen weist uns das Regelwerk – auch wenn nicht abschliessend, den Weg.

Das Regelwerk beschreibt in der Regel 17 „Die Schiedsrichter“ u.a., dass die Aufsicht über das Verhalten der Spieler und Offiziellen für den Schiedsrichter mit dem Betreten der Wettkampfstätte beginnt und endet, wenn sie die Wettkampfstätte verlassen wird. Dabei sind unter dem Begriff „Wettkampfstätte“ nicht nur die Spielfläche und der Auswechslungsraum, sondern auch die übrigen Bereiche (Zuschauertribüne, Einspielhalle usw.) gemeint. Vor dem Spiel können Sanktionen bis hin zu einer Disqualifikation oder ein Rapport an die Rechtsinstanzen zur Vornahme einer Bestrafung erfolgen. Im Weiteren haben die Schiedsrichter das Recht, ein Spiel zu unterbrechen oder abzubrechen. Vor einer Entscheidung, das Spiel abzubrechen, müssen alle Möglichkeiten zur Fortsetzung des Spiels ausgeschöpft werden.

Zudem existiert das sogenannte „Wettspielreglement des schweizerischen Handballverbandes“, welches allgemeine Weisungen beinhaltet und damit den Schiedsrichter in seiner Funktion spezifisch unterstützt. Klar und deutlich ist in Art. 34 „Infrastruktur / Pflichten Heimteam“ u.a. festgehalten, dass der/die Schiedsrichter und Delegierte vom Heimteam Massnahmen verlangen können, um einen störenden Zustand zu beseitigen. Das Heimteam stellt die Platzorganisation inkl. Aufrechterhaltung der Ordnung in der Halle und den Schutz von Schiedsrichter und Delegierten sicher.

Nun ist es halt so, dass die Theorie diesbezüglich keine „pfannenfertigen“ Antworten liefert. Trotzdem lässt sich die Frage aus der allgemeinen Praxis sowie im Sinne des Regelwerkes folgendermassen beantworten:

Fall a): Der Schiri kann den Offiziellen ermahnen ohne das Spiel zu unterbrechen. Zeigt der/die Ermahnte oder einer der anderen Offiziellen keine Einsicht und die Störung wiederholt sich oder ist gravierender, hat der Schiri die Möglichkeit das Spiel zu unterbrechen und den Offiziellen zu bestrafen (gelbe Karte). Das nächste Vergehen eines Offiziellen der gleichen Mannschaft wird mit einer 2‘-Strafe geahndet. Alle weiteren Vorkommnisse von Seiten der Offiziellen dieser Mannschaft, welche den Spielbetrieb weiterhin stören, werden mit Disqualifikation bestraft (2‘-Strafe). Einer 2‘-Strafe oder einer Disqualifikation braucht bei schwerwiegenderen Vergehen keine Ermahnung oder Verwarnung vorauszugehen.

Unterbricht der Schiedsrichter wegen eines Vergehens eines Offiziellen das Spiel, wird es mit Freiwurf für die gegnerische Mannschaft fortgesetzt, sofern der Ball zum Zeitpunkt des Abpfiffs im Spiel war. War das Spiel schon vorher unterbrochen, geht es mit dem zuvor angeordneten Wurf weiter.

Fall b): Störungen die der/die Zuschauer (Heim- und/oder Gastmannschaft) verursachen, können in drei Eskalationsstufen eingeteilt werden. Der Schiri (bei Bedarf in Absprache mit Delegierten) hat die Möglichkeit das Spiel zu unterbrechen und das Publikum via Speaker ausdrücklich zu ermahnen, angemessene Ruhe und Ordnung zu halten (Stufe 1). Zeigt das Publikum keine Einsicht (oder die Beeinträchtigung ist gravierender) oder die Störung wiederholt oder steigert sich sogar, muss der Schiri das Spiel ebenfalls unterbrechen. In dieser Situation muss der Schiri (bei Bedarf in Absprache mit Delegierten) der/die störende(n) Zuschauer via Speaker ausdrücklich auffordern, der Aufforderung unverzüglich nachzukommen. Der Heimverein ist aufzufordern, die Störung zu beseitigen, beispielsweise indem er dafür sorgt, das Fehlbare die Spielhalle verlassen (Stufe 2). Zudem muss er den Spielabbruch androhen, sollte der/die fehlbaren Zuschauer der Aufforderung nicht unverzüglich nachkommen oder Spieler bzw. Schiedsrichter und Delegierte einer Gefährdung ausgesetzt sind (Stufe 3). Zusätzlich muss der Schiedsrichter einen Rapport zuhanden der Rechtsinstanzen verfassen.

Zu erwähnen ist, dass in beiden Fällen diejenige Mannschaft im Ballbesitz bleibt, welche beim Spielunterbruch in Besitz ist, unabhängig davon, ob der Spielunterbruch das Heim- oder Gastpublikum verursacht hat.

Wichtig zu wissen ist auch, dass Wiederhandlungen gegen die Vorschriften betr. „Infrastruktur / Pflichten Heimteam“ mit Busse von 100 bis 600 Franken und im Wiederholungsfall mit Busse von 200 bis 1000 Franken bestraft werden. Ab der dritten rechtskräftigen Strafe im gleichen Wettbewerb können zusätzlich eine Platzsperre und/oder ein Punkteabzug ausgesprochen werden. Dabei gilt es zu beachten, dass voraussichtlich mit der Umsetzung der neuen Verbandsstrukturen im revidierten Wettspielreglement die Strafen eher nach oben angepasst werden.

Eine letzte Frage: Warum sollte man die Ausbildung zum Schiedsrichter unbedingt machen?
Ich finde, es soll in erster Linie kein Zwang oder ein Muss sein, diese Funktion auszuüben. Man soll sich einfach mit den oben erwähnten Voraussetzungen identifizieren können. Insbesondere auch dann, wenn man nicht ein „Top-Spielleiter“ werden will. Ohne jemandem nahe treten zu wollen, vertrete ich die Haltung, dass die Schiri-Karriere einer Militärkarriere vorzuziehen ist. Viele massgebliche Kompetenzen werden als Schiri gebraucht und weiterentwickelt, halt einfach mit „leiseren“ Tönen, dafür mit „lauten“ Pfiffen. Und „last but not least“, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, bieten viele Vereine die Möglichkeit an, als Schiri tätig sein zu können. Die Ausbildung ist also in vielen Belangen erstrebenswert und daher definitiv nicht für die Katz!   

Vielen Dank an Heini für das engagierte und profunde Antworten (und Recherchieren betreffend der zweitletzten Frage)! Wir wünschen ihm und seinen Mitstreitern alles Gute in der anspruchsvollen Tätigkeit als Schiedsrichter im Dienste des TV Möhlin!

Für den TV Möhlin, Christine Steck

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